Interview mit Psychologin und Forscherin Paula Angermair darüber wie Kreativität und Kunst unser Wohlbefinden beeinflusst.

Mit Einblicken in neue Studien zu Morbus Parkinson und dessen Einfluß auf Kreativität

Was passiert im Gehirn, wenn wir kreativ sind, und welche Bedeutung hat Kunst für unser Wohlbefinden? In diesem Interview mit Paula Angermair, Wissenschaftlerin des ARTIS Lab der Universität Wien, geht es um aktuelle Forschung zu kreativen Prozessen und Kunsterfahrung. Diese Prozesse erforscht die Doktorandin anhand von Studien zu Morbus Parkinson, die untersuchen, wie sich Kreativität im Verlauf der Erkrankung verändert und wie künstlerisches Arbeiten das Wohlbefinden und die Selbstwirksamkeit beeinflussen kann.

Foto der Psychologin und Forscherin am Artis Lab Wien, Paula Angermair

Nicola Hammerschmied:

Liebe Paula, du bist Psychologin, Künstlerin und Doktorandin im ARTIS Lab an der Universität Wien und forschst zu Kreativität. Auf der Website beschreibt  sich das ARTIS Lab folgendermaßen: „Unser Fokus liegt darauf, die kognitiven, affektiven und neurophysiologischen Prozesse in unserer Interaktion mit der gestalteten Umwelt und mit bildender Kunst zu erforschen, zu verstehen und  anzuwenden.“ Was genau ist damit gemeint?

Paula Angermair:

Unsere Arbeit ist sehr vielfältig! Wir forschen zur Kunsterfahrung, also was passiert, wenn wir mit Kunst im Museum, in Galerien, aber auch im öffentlichen und im digitalen Raum interagieren. Zurzeit beschäftigen wir uns auch viel mit Kunstschaffenden und der Frage, wie kreative Prozesse im Gehirn aussehen und wie wir am besten mehr darüber lernen können. Im Grunde geht es bei unserer Forschung aber eigentlich immer um die Frage, was Kunst mit uns macht.

Was versteht man aus psychologischer Sicht eigentlich unter Kreativität?

Das ist eine große Frage, bei der sich Forschende nicht immer einig sind. Die gängigste Definition beschreibt Kreativität aber als etwas, das gleichzeitig neu und originell, aber auch nützlich oder sinnvoll ist.

Warum ist (künstlerische) Kreativität ein so grundlegender Bestandteil des  menschlichen Daseins – auch unabhängig davon, ob jemand selbst  künstlerisch tätig ist? Und welche Rolle spielt Kreativität für unser psychisches  Wohlbefinden ganz allgemein?

Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, sagen mir Menschen oft, dass sie selbst gar nicht kreativ sind. Ich glaube, das liegt daran, dass wir von Kreativität ein zu grandioses Bild haben und gleich an Ausnahmetalente und künstlerische Genies denken. Ich finde das Schöne an der Kreativität gerade ihre Alltäglichkeit. Ein interessanter Satz oder die Art, wie Produkte in einem Geschäft angeordnet sind, können ja auch schon kreativ sein. Dafür braucht es aber komplexe Zusammenspiele im Gehirn, man muss flexibel sein, und das ist ein gutes kognitives Training. Sich kreativ zu betätigen kann zB. auch bei der Emotionsregulierung helfen, Stress abbauen und einen, wie andere meditive Tätigkeiten, in einen „Flow-State“ bringen. Und dafür muss nicht mal was Schönes am Ende rauskommen, es geht viel eher um die Tätigkeit an sich.

„Sich kreativ zu betätigen kann zB. auch bei der Emotionsregulierung helfen, Stress abbauen und einen, wie bei anderen meditiven Tätigkeiten, in einen „Flow-State“ bringen.“

Aus der Vogelperspektive sieht man die Hände von, an Morbus Parkinson erkrankte, Menschen. Sie Zeichnen auf einer groß ausgelegten Papierrolle und betätigen sich in einer Kunsttherapie kreativ.

Als Teil des „Unlocking the Muse“-Teams forschst du derzeit zur Beziehung  zwischen künstlerischer Kreativität und Morbus Parkinson. Wie ist es zu dieser  Studie gekommen?

Aus einzelnen ‘Case Studies’ wissen wir, dass die Kreativität sich im Zuge einer Parkinson-Erkrankung verändern kann. Da gibt es sehr interessante Fälle von Menschen die ihr ganzes Leben nie kreativ gearbeitet haben und plötzlich anfangen täglich zu malen, oder von Künstler*innen, deren Stil sich auf einmal völlig ändert. Wir wollten gerne wissen, ob das nur Einzelfälle sind oder ob sich das systematisch zeigt.

Eure Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen der Dopaminaktivität im Gehirn, der Motivation, kreativ tätig zu sein, und teilweise sogar auch der Qualität bzw. dem Ergebnis kreativer Prozesse. Wie lässt sich dieser  Zusammenhang erklären?

Man kann sich das so vorstellen, dass Dopamin, oder genauer gesagt das dopaminerge System, wie eine treibende Kraft hinter kreativen Prozessen wirkt. Es spielt einerseits eine Rolle bei der Ideengenerierung, also dabei, neue Verbindungen herzustellen und ungewöhnliche Überlegungen zuzulassen, andererseits aber auch bei der Auswahl und Umsetzung dieser Ideen. Dafür muss das Gehirn flexibel zwischen verschiedenen Zuständen wechseln können, also diesem offenen, sprudelnden Modus für neue Ideen und einem fokussierten Modus für Planung, Bewertung und Umsetzung. Auch der Wechsel zwischen diesen Zuständen und ihre Balance werden unter anderem vom dopaminergen System mitgesteuert. Bei Menschen mit Morbus Parkinson sterben die Dopamin-produzierenden Nervenzellen ab und das ganze System kommt in ein Ungleichgewicht.

In einer eurer Studien zeigt sich, basierend auf einer kleinen Stichprobe von, an Parkinson erkrankten, Personen, dass kreative Aktivitäten nicht nur das Wohlbefinden und die Lebensqualität beeinflussen, sondern auch Ängste  während der Intervention deutlich reduziert wurden. Welche Mechanismen  könnten hinter diesem Effekt stehen?

Wir haben erste Ergebnisse, dass durch kreative Betätigung das, durch eine Parkinson-Erkrankung, geschädigte Dopamin-System positiv beeinflusst werden kann, da stehen wir aber erst am Anfang unserer Forschung. Von unseren Studien mit Menschen mit Parkinson haben wir vor allem gelernt, dass kreatives Arbeiten die Selbstwirksamkeit und das Selbstvertrauen extrem stärken können. Dazu kommt natürlich die soziale Verbindung, der therapeutische Effekt von Kunst und das Gefühl, dass die Krankheit beim kreativen Arbeiten auch einfach in den Hintergrund tritt. Besonders überraschend für mich war, wie wenig störend scheinbar die physischen Symptome, also zB. ein Tremor, beim Malen waren.

„Kunst und Kreativität sind nicht invasiv, kostengünstig und können leicht zugänglich gemacht werden. Es macht einfach Sinn, das im Gesundheitssystem vermehrt einzsusetzen!“

Wie nachhaltig waren diese beobachteten Effekte nach Abschluss der  Kunsttherapie?

Alle Teilnehmenden unserer letzten Studie haben mir letztens mitgeteilt, dass sie weiterhin zuhause malen und das auch in der Zukunft vorhaben, das hat mich wirklich sehr gefreut!

Kann es auch sein, dass visuelle Impulse, wie Illustrationen, Farben oder  Worte, Denkprozesse oder emotionale Prozesse anregen und auch dadurch  möglicherweise auch das Wohlbefinden beeinflusst wird?

Auf jeden Fall. Unsere Teilnehmenden sprechen oft direkt an, wie Farben sie beeinflussen und welches Gefühl oder welche Erinnerung verschiedene Farben in ihnen wecken. Wir versuchen auch bewusst damit zu arbeiten und durch kreative Impulse auch emotionale Prozesse anzuregen. Gerade wenn man in einem „Flow“-Zustand ist, kann man sich Sachen von der Seele malen, würde ich sagen.

Wie können auch gesunde Menschen von diesen Erkenntnissen profitieren?

Etwas, was wir gleich zu Beginn unserer Studie versuchen zu vermitteln, ist, dass es nicht wichtig ist, ob ein Werk “gut” ist oder nicht. Dieser Druck blockiert die Teilnehmenden oft und sobald sie diese Erwartung an sich selbst ablegen, entstehen erstaunliche, berührende und spannende Werke. Ich glaube dieses Phänomen kennen die meisten Künstlerinnen und Künstler. Viele meiner Freundinnen sind künstlerisch tätig, ich würde sie gerne mit unseren Studienteilnehmenden mit Parkinson zusammenbringen. Das ist eigentlich mein großer Wunsch, so einen Raum zu schaffen, wo verschiedene Menschen sich gemeinsam von ihren Selbstzweifel verabschieden und einfach zusammen kreativ arbeiten können.

Wo hat aus deiner Sicht in der Zukunft Kunst im Gesundheitsbereich seinen Platz und wie sollten wir Kunst und Kreativität dafür optimalerweise nutzen?

Das ist ganz klar für uns: Kunst und Kreativität sind nicht invasiv, kostengünstig und können leicht zugänglich gemacht werden. Es macht einfach Sinn, das im Gesundheitssystem vermehrt einzsusetzen! Wir hoffen natürlich, mit unseren Ergebnissen noch weitere gute Gründe dafür zu liefern.

Wir suchen übrigens laufend Interessierte für unsere Studien, wenn Sie selbst mir Parkinson leben oder jemanden kennen, würde ich mich sehr freuen wenn sie sich bei mir melden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto der Psychologin und Forscherin am Artis Lab Wien, Paula Angermair

Paula Angermair forscht im Bereich Neuroästhetik am Artis Lab der Universität Wien

Als Teil des „Unlocking the Muse“-Teams untersucht sie die Schnittstelle zwischen Neuropharmakologie und künstlerischem Ausdruck im Zusammenhang mit der Parkinson-Krankheit. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen Parkinson-Medikamente und deren Auswirkungen auf das kreative Gehirn, die Rolle von Dopamin – und die Frage, was einen Künstler ausmacht. Dieser Frage geht sie auch als Malerin und Fotografin in ihrer künstlerischen Arbeit nach.

Portraitfoto von Nicola Hammerschmied im Gespräch mit Lisa Lindinger von scandicted.interiour.design

Nicola Hammerschmied ist Illustratorin, Designerin und Gründerin von FineArtNicola.

Für ihren Shop illustriert sie achtsame Raumkunst für Therapieräume, Wartezimmer und Arztpraxen. Zudem erarbeitet sie künstlerische Infografiken und Illustrationen zu Mental Health Themen und mehr.