Interview mit Psychotherapeutin MMag. Iris Wandraschek über Möglichkeiten zur Psychoedukation
Was ist Psychoedukation – und warum kann sie unsere mentale Gesundheit stärken?
Psychoedukation hilft Menschen dabei, psychische Gesundheit besser zu verstehen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und informierte Entscheidungen für ihr Wohlbefinden zu treffen. Doch welche Rolle spielen dabei Social Media und welche weiteren Möglichkeiten der psychologischen Aufklärung gibt es? In diesem Interview spricht die österreichische Psychotherapeutin Iris Wandraschek über die Bedeutung von Psychoedukation, die Chancen und Risiken psychologischer Inhalte auf Instagram sowie darüber, warum psychologisches Grundwissen für jeden Menschen wertvoll sein kann.
Nicola Hammerschmied:
Liebe Iris, Du bist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Krems in Österreich. Gleichzeitig bist Du auch psychoedukativ auf Instagram tätig. Als @_deine_psychotherapeutin erreichst Du inzwischen über 11.000 Menschen. Psychoedukation klingt für viele Menschen abstrakt. Wie würdest Du den Begriff jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Iris Wandraschek:
Psychoedukation ist zunächst ein Begriff, der komplex und abstrakt wirken kann. Vereinfacht gesagt bedeutet Psychoedukation die Vermittlung von Wissen über psychische Erkrankungen, psychisches Erleben und menschliches Verhalten – mit dem langfristigen Ziel, Expert*in für sich selbst zu werden. Denn wir können uns selbst nur dann besser verstehen, wenn wir persönliche Erfahrungen mit fachlichem Wissen in Verbindung bringen können. Viele Menschen erleben es als entlastend, sich in wissenschaftlichen Erklärungen oder in den Erfahrungen anderer wiederzufinden. Dieses Bedürfnis nach Orientierung, Verständnis und Einordnung ist etwas sehr Menschliches.
Was hat Dich dazu bewegt dein Wissen über Psychologie und mentale Gesundheit nicht nur im Therapieraum weiterzugeben, sondern auf über Social Media zu teilen?
Mit meiner Instagram-Seite verfolge ich mehrere Ziele. Einerseits ist es mir ein großes Anliegen, zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beizutragen. Social Media bietet dafür eine enorme Reichweite und die Möglichkeit, Menschen niedrigschwellig zu erreichen. Gleichzeitig kursiert dort jedoch auch viel Halbwissen, insbesondere im Bereich mentale Gesundheit. Umso wichtiger ist es, dass fachlich qualifizierte Personen fundierte Informationen zur Verfügung stellen und Orientierung bieten.
Andererseits ist die kreative Arbeit mit Inhalten für mich auch ein persönlicher Ausgleich. Ich arbeite sehr gerne gestalterisch und kann mich über Beiträge, Stories und Formate kreativ ausdrücken. Für mich ist das tatsächlich eine Art Hobby geworden, das mir große Freude bereitet.
Wie hilft Psychoedukation Deiner Meinung nach nicht nur Betroffenen, sondern auch psychisch gesunden Menschen und als gesellschaftliche Prävention?
Wissen wirkt grundsätzlich schützend, unabhängig davon, ob man selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen ist oder nicht. Wer beispielsweise versteht, wie sich eine Depression tatsächlich äußern kann und dass sie weit über „Traurigkeit“ hinausgeht, erkennt mögliche Warnzeichen oft früher, bei sich selbst oder auch bei anderen. Dadurch kann Unterstützung schneller in Anspruch genommen werden. Psychoedukation auf Social Media trägt wesentlich zur Sensibilisierung für psychische Gesundheit bei und kann helfen, bestehende Vorurteile und Stigmatisierungen abzubauen.
„Wissen wirkt grundsätzlich schützend, unabhängig davon, ob man selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen ist oder nicht.„
Gibt es Rückmeldungen oder Momente, die Dir gezeigt haben, dass Psychoedukation im Alltag wirklich etwas bewirken kann?
Ja, solche Momente gab und gibt es viele. Über die Jahre haben mich immer wieder Menschen kontaktiert, weil sie sich in meinen Beiträgen wiedererkannt haben. Häufig war das der erste Impuls, sich intensiver mit dem eigenen psychischen Zustand auseinanderzusetzen oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Manche Personen haben dadurch erstmals verstanden, dass hinter ihrem Erleben möglicherweise eine behandlungsbedürftige psychische Belastung steckt.
Bemerkst Du unter deinen Followern, oder in Deiner Praxis, Trends und Themen die aktuell besonders relevant sind, wenn es um mentale Gesundheit, Stress oder emotionale Belastungen geht?
Im Bereich mentale Gesundheit gibt es auf Social Media immer wieder Themen, die besonders stark im Fokus stehen. Aktuell betrifft das beispielsweise ADHS, Autismus beziehungsweise das gesamte neurodivergente Spektrum sowie das Thema Narzissmus. Gleichzeitig verändern sich auch die Formate, die Menschen besonders ansprechen. In den ersten Jahren meiner Instagram-Präsenz war beispielsweise mein „Selfcare Saturday“ ein sehr beliebtes Format, bei dem Follower*innen Situationen geteilt haben, in denen sie bewusst gut für sich selbst gesorgt haben.
Auch in der therapeutischen Praxis spiegeln sich gesellschaftliche Schwerpunktthemen häufig wider. Das ist allerdings kein neues Phänomen und nicht ausschließlich auf Social Media zurückzuführen. Sogenannte „Modediagnosen“ gab es im psychosozialen Bereich schon immer.
Kritische Stimmen meinen, dass Aufklärung über Mental-Health-Themen auf Social Media oft zu verkürzten Darstellungen psychologischer Inhalte und dadurch auch zu mehr falschen Selbstdiagnosen führen kann. Was entgegnest Du diesen Stimmen und wo siehst Du selbst Risiken bei psychologischer Aufklärung auf Social Media?
Die Diskussion rund um Selbstdiagnosen ist durchaus nachvollziehbar. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, Menschen auch Eigenverantwortung zuzugestehen. Viele Betroffene erleben es zunächst als entlastend, sich in bestimmten Beschreibungen oder Diagnosen wiederzufinden. Das kann helfen, das eigene Erleben besser einzuordnen und Worte für bisher schwer greifbare Erfahrungen zu finden.
Wenn Patient*innen in meiner Praxis das Thema Selbstdiagnose ansprechen, begegne ich dem grundsätzlich wertschätzend und sensibel. Gemeinsam schauen wir dann, ob eine weiterführende klinisch-psychologische Diagnostik sinnvoll und hilfreich wäre. Wichtig ist dabei, differenziert zu bleiben und psychische Gesundheit nicht zu vereinfachen oder zu pauschalisieren.
„Viele psychische Belastungen stehen mit ungünstigen Denk- und Bewertungsmustern in Zusammenhang. Psychoedukation kann dabei helfen, solche Muster zu erkennen, Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen und langfristig hilfreichere Denkweisen zu entwickeln.“
Welche Möglichkeiten siehst Du noch, abseits von Social Media, für TherapeutInnen, PsychologInnen oder ÄrztInnen, psychoedukativ aufzuklären und psychologisches Wissen zugänglich zu machen?
Es gibt viele kreative Möglichkeiten, Menschen psychoedukativ zu erreichen. Neben Social Media können beispielsweise Vorträge, Workshops, Schulungen in Unternehmen oder Führungskräftetrainings wertvolle Räume für Aufklärung schaffen. Gleichzeitig wird psychischer Gesundheit in Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Kindergärten nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Gerade dort wäre frühzeitige Präventions- und Aufklärungsarbeit besonders wichtig und wirksam. Auch der künstlerische Bereich bietet zahlreiche Möglichkeiten, Menschen emotional und nachhaltig für psychische Gesundheit zu sensibilisieren.
Ich verfolge die Idee, Menschen durch Kunst psychoedukativ zu erreichen, wie zum Beispiel in Wartezimmern von Ordinationen oder Gesundheitseinrichtungen. Macht es Sinn solche Räume zu nutzen um Menschen mit psychologischen Themen in Berührung zu bringen, mit denen sie sich sonst vielleicht kaum beschäftigen würden?
Ja, absolut. Kunst und kreative Formate können eine sehr schöne, subtile und gleichzeitig wirkungsvolle Möglichkeit sein, Menschen für psychische Themen zu sensibilisieren. Gerade emotionale Inhalte erreichen oft Ebenen, die reine Wissensvermittlung allein nicht immer ansprechen kann.
Wenn Du drei Themen auswählen könntest, die Du jedem Menschen als eine Art psychologisches Basiswissen mitgeben könntest: Welche wären das? Welche drei Themen sollte Deiner Meinung nach wirklich jeder Mensch kennen, unabhängig davon, ob jemand psychisch belastet ist oder nicht?
Es fällt mir schwer, mich auf nur drei Themen zu beschränken. Wenn ich wählen müsste, würde ich jedoch jene Bereiche hervorheben, die häufig eine zentrale Grundlage für psychische Gesundheit darstellen.
Ein wichtiger Bereich sind soziale Kompetenzen, also zwischenmenschliche Fähigkeiten. Dazu gehören Fragen wie: Wie lerne ich, Grenzen zu setzen? Wie kann ich „Nein“ sagen, ohne Schuldgefühle zu entwickeln? Wie gehe ich konstruktiv mit Kritik um und wie äußere ich selbst Kritik angemessen?
Ein zweiter zentraler Bereich betrifft emotionale Kompetenzen. Dazu zählt die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen, einzuordnen und angemessen mit ihnen umzugehen. Ebenso wichtig ist empathisches Verhalten im Umgang mit anderen Menschen und die Frage, wie man mit intensiven oder belastenden Gefühlen umgehen kann, ohne sich selbst oder andere zu schädigen.
Als drittes Thema würde ich den Umgang mit sogenannten Denkfehlern nennen. Viele psychische Belastungen stehen mit ungünstigen Denk- und Bewertungsmustern in Zusammenhang. Psychoedukation kann dabei helfen, solche Muster zu erkennen, Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen und langfristig hilfreichere Denkweisen zu entwickeln.
Welche Rolle wird Psychoedukation Deiner Meinung nach in Zukunft für Prävention, für mentale Gesundheit und psychologische Aufklärung spielen?
Ich bin überzeugt davon, dass Psychoedukation und das gesamte Feld psychischer Gesundheit künftig noch stärker an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen werden. Insbesondere durch technologische Entwicklungen und den zunehmenden Einsatz von KI werden sich in diesem Bereich viele neue Möglichkeiten eröffnen. Vermutlich werden sich in den kommenden Jahren Anwendungen und Konzepte etablieren, die wir uns heute noch gar nicht vollständig vorstellen können.
Gleichzeitig halte ich es für wichtig, diesen Entwicklungen sowohl offen und neugierig als auch kritisch und reflektiert zu begegnen. Genau diese Haltung versuche ich persönlich auch einzunehmen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Iris Wandraschek ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Krems in Österreich
Als Psychotherapeutin mit eigener Praxis begleitet Wandraschek Menschen auf ihrem Weg zu mehr psychischer Gesundheit und persönlicher Entwicklung. Neben ihrer therapeutischen Arbeit engagiert sie sich auf Instagram als @_deine_psychotherapeutin für die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und klärt psychologisch, mit viel Fachwissen, über mentale Gesundheit, insbesondere Depression auf.
Nicola Hammerschmied ist Illustratorin, Designerin und Gründerin von FineArtNicola.
Für ihren Shop illustriert sie achtsame Raumkunst für Therapieräume, Wartezimmer und Arztpraxen. Zudem erarbeitet sie künstlerische Infografiken und Illustrationen zu Mental Health Themen und mehr.









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